Habilitationsprojekt
Roman point of view – interessanterweise wurde das römische Legionslager von Marktbreit am Main ziem-lich genau, zielgerichtet in der Mitte des weitest entfernten römischen Einflussbereichs im frühen 1. Jh. mit 124,8 km (von Mainz aus), bzw. 125,7 km (von Augsburg aus) Distanz angelegt. Jedoch bedeuten diese relativ gleichen Abstände keine öko¬nomisch gleich aufwändigen Routenverbindungen: Der Weg über die Donauregion mit der römischen Ansiedlung im heutigen Augsburg geht mit deutlich mehr zu absolvierenden Höhenmetern bzw. Steigungsdistanzen einher, da sich dort die Aus¬läufer der Schwäbischen Alb befinden. Daher ist die theoretisch mögliche Südroute nach Marktbreit kostenökonomisch aufwändiger und somit weniger wahrscheinlich, sodass die Zonen von potenziell guter (grün) bis schlech¬ter (rot) Erreichbarkeit, bzw. mit geringem (grün) bis hohem (rot) Kostaufwand in der Region um Marktbreit nicht aneinan¬derstoßen. Die Klassifikation der Erreichbarkeitsstufen von West und Süd unterliegt dabei den gleichen Parametern. Somit ist der ökonomische Aufwand vom Ausgangspunkt des Legionslagers Augusta Vindelicorum nach Marktbreit deutlich höher, wobei über die Erreichbarkeitszone V hinaus ein zusätzlicher kostenökonomischer Aufwand besteht.

Armin Volkmann

Digitale Archäologie und Perspektiven des Digital Cultural Heritage:

Besiedlungsmuster frühgeschichtlicher Kulturen des ersten Jahrtausends AD in Zentraleuropa − Vergleichende Studien zur Neustrukturierung und Transformation peripherer Regionen der Germania superior und des Barbaricums zum Ende des Römischen Reichs

Digitale Methoden sind in den archäologischen Wissenschaften nun seit einigen Jahren verstärkt im Einsatz und gehen mit dem Aufbau von einigen größeren digitalen Forschungsdatenrepositorien einher, die jedoch die Kontextualisierung der Daten über die bestehenden Verwaltungsgrenzen hinaus nur in selten Fällen erlauben. So ist es ein grundliegendes Anliegen der Studie den Erkenntnisgewinn durch die konsequente Nutzung, Zusammenführung und Anreicherung der archäologischen Datensätze aus erweiterten und vernetzten Repositorien anhand konkreter Fragestellungen plastisch aufzuzeigen. Fallbeispielhaft wurde hierzu den disziplinübergreifenden Desideraten zu den umwälzenden Neustrukturierungen und Transformationen in peripheren Regionen zum Anfang und zum Ende des Römischen Reichs in Zentraleuropa nachgegangen.

Grundlegende Infrastruktur des Forschungsprojekts stellt das entwickelte Open Source Archäologische Informationssystem (AIS) dar, indem die Datenkollektion, d.h. der Aufbau des Corpus, die Datenaggregation und die raum-zeitlich orientierten Datenmodellierungen, -auswertungen, -visualisierungen sowie statistischen Analysen und Simulationsverfahren stattfanden. Bspw. sind im Rahmen von Least-Cost-Path-Analysen, die auf dem hochdetaillierten Digital Terrain Modell (DGM1) basieren, wahrscheinliche Wegeverbindungen über Land oder Fluss berechnet und im Rahmen von systematischen Feldbegehungen mit realen archäologischen Befunden im Gelände verglichen, bzw. auf Plausibilität überprüft worden (s. Abb.). Ein Referenzcorpus zeigt regionaltypische Befunde, u.a. der migrationszeitlichen Höhensiedlungen, im Kontext der umgebenden (Kultur-)Landschaft in detaillierten Geländemodellen auf, um weiterführende Sichtbarkeits- sowie Netzwerk orientierte Kostenkonnektivitäts- und Knotenanalysen durchzuführen. Neben der Kernuntersuchungsregion am mittelern Main wurden vergleichend die Besiedelungsmuster und -verhältnisse anderer Regionen, wie die an der Oder, untersucht, wenn diese für die Fragestellung, bspw. zur Klärung von Migrationsfragen, von besonderer Relevanz waren. Durch den vergleichenden Einsatz der ausgewählten Methoden der Archäoinformatik, Digitalen Archäologie und Landschaftsarchäologie konnten zielgerichtet neue Ergebnisse zur Raumordnung in der Antike bis zum Frühmittelalter herausgestellt werden.

Im überregionalen Zusammenhang zeigte sich in der vergleichenden Statistik eine einerseits erstaunlich gleichförmige Entwicklung der Fundstellenanzahlen von der frühen römischen Kaiserzeit bis zum Beginn der frühen Migrationszeit vom 1.−5. Jh. AD sowohl im inneren Barbaricum an der Oder als auch in der römischen Grenzregion am mittleren Main. Andererseits kommt es im Barbaricum in der frühen Migrationszeit während einer ausgeprägten Trockenphase des Paläoklimas – neben sozio-ökonomischen Gründen − zur klimatisch bedingten Auflösung der Siedlungskammern, die mit einer drastischen Abwanderung der Bevölkerung einhergeht und die im Verlauf des 6. Jhs. bis hin zum 7. Jh. AD in der späten Migrationszeit zu einer nahezu vollkommenen Entsiedelung der Oderregion führt. Dahingegen lösen sich die Siedlungskammern am Main nicht auf, sondern die dicht besiedelten Siedlungskammern bestehen weiter. Jedoch wurden die dortigen Höhensiedlungen am Main schon zur Mitte des 5. Jhs. AD aufgegeben, die teils vom Ende des 4. bis zur Mitte des 5. Jhs. AD noch permanent be¬siedelt waren und intensiv mit Wallanlagen ausgebaut wurden, sodass auch am Main Umstrukturierungen deutlich fassbar sind. Zahlreiche römische Funde von den Höhensiedlungen belegen neben der Funktion als Fortifikation im Krisenfall auch die Nutzung als Handels- und überregionale Kommunikationszentren. In Grenzlage zum Römischen Reich im Westen und im Osten am mittleren Main konnte das Wirken von überregional verschiedenen Einflüssen auf die Besiedelungsstrategien klar durch die Zusammenschau der Einzelindizien aus den verschiedenen Analyseverfahren herausgestellt werden.

Bildquelle: Volkmann 2021, 367, https://doi.org/10.11588/propylaeum.753

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