Tsunamiforschung

Zur Archäologie paläotsunamigener Ereignisse

Project of the interdisciplinary Research Unit „Tsunamites“, draft proposal submitted by DFG (September 2010) by Prof. Dr. F. Lang together with Prof. Dr. A. Vött (Geographie, Universität Mainz) und Prof. Dr. K. Reicherter (Geologie, RWTH Aachen)

Gesamtprojektziel: Identifizierung holozäner Tsunamiereignisse in verschiedenen Archiven unter Berücksichtigung multivariabler Herangehensweisen im östlichen Mittelmeer

Teilprojekt: Das Ergebnis hochenergetischer Ereignisse ist die zum Teil umfangreiche Zerstörung der gebauten Umwelt, ganze Landstriche werden dem Erdboden gleichgemacht, sie verschwinden. Diese Ereignisse sind kurz, heftig und schnell. Ihre Auswirkungen auf die Menschen jedoch fatal, wie wir gerade aktuell auf schreckliche Weise verfolgen können. Hochenergetische Ereignisse werden in einer bewohnten Umwelt als Naturkatastrophen wahrgenommen und werden damit Kulturkatastrophen, die sich auf die soziopolitische Struktur auswirken. Da es bis heute kaum möglich ist, derartige Naturkatastrophen vorherzusagen, stellt sich auch für die Antike die Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Machbarkeit und Machtlosigkeit in den Gesellschaften; Macht im Sinne einer Prävention und Ohnmacht gegenüber den unkontrollierten Ereignissen. Die bekannteste Darstellung zerstörerischer Flutwellen ist sicherlich der Mythos von der Sintflut im Alten Testament mit einem Vorläufer, im Gilgamesh-Epos. Sind wir durch die Schriftquellen über derartige Ereignisse aus der Vergangenheit wohl informiert, so wurde diese Frage aus archäologischer Sicht bislang nicht behandelt. Dabei böten Tsunamis möglicherweise ein neues Erklärungsmodell für Veränderungen in Siedlungsbild und –mustern in jenen Zonen, die potentiell Tsunamis ausgeliefert waren. Am Beginn einer Archäologie paläotsunamigener Ereignisse steht die Aufgabe, sie im archäologischen Befund identifizieren zu können, womit methodologische Herausforderungen verbunden sind. Hierbei ist von der These auszugehen, daß sich die archäologischen Tsunamiarchive in ihrer Zusammensetzung und Befundsituation deutlich von anthropogenen Befunden unterscheiden müssen. Hierbei sind die Unterschiede in den von durch Tsunamis verursachten Destruktionsmustern von jenen, die durch Erdbeben verursacht wurden – und oft fällt beides zusammen – zu beschreiben. Hierzu bedarf es einer Modellbildung, die nur in enger Zusammenarbeit mit Geographie und Geoarchäologie ergebnisreich entwickelt werden kann.