Elwira Janus

Dissertationsprojekt

Elwira Janus

Das Gewand der Stadt – Zur materiellen Gestaltung urbaner Räume im römischen Griechenland

Das Gewand eines Bauwerks ist seine Fassade. Sie umhüllt, schützt und präsentiert das Gebäude. Bisherige Untersuchungen von Fassaden unterschätzten jedoch diese und beschränkten sich vornehmlich auf den Baudekor. Dabei wurde nicht darauf geachtet, dass die Außenhüllen Teil eines städtebaulichen Konzeptes sind. Sie können die Wahrnehmung des urbanen Raumes steuern. Nicht zu vergessen ist hierbei, dass hinter jeder Fassade immer ein Baukörper steht, der erst durch sein Volumen und Orientierung die Außenflächen im Stadtraum positioniert. Die Architektur ist hierbei mehr als ein Abbild funktionaler und technischer Anforderungen. Fassaden, als die außen sichtbaren Elemente von Gebäuden, sind vielmehr ein Teil des Kommunikationssystems der Stadt. Indem jede Kultur in ihrer baulichen Substanz Ausdruck findet, wird im Gegenzug die Identität einer Gesellschaft immer wieder durch die Architektur rekonstruiert, modifiziert und in der Zeit fixiert. Architektur in der Stadt ist also sowohl reagierender Ausdruck des umgebenden also des kulturellen, sozialen oder lokalregionalen Kontextes, als auch formgebender Ausdruck der soziokulturellen Strukturen einer Gesellschaft. Die Kulturationsprozesse, die dahinter stehen, basieren auf einer kulturellen Reziprozität. Inwieweit dies in den Fassaden der untersuchten Städte Ausdruck fand, ist eine übergeordnete Frage, die im Verlauf des Dissertationsprojektes geklärt werden soll. Aus diesem Grund liegt der Fokus gleichermaßen auf der Gliederung der Gebäudehülle, der Materialverwendung wie auch dem Ort des Versatzes. Die Einbeziehung der Fassaden in die Untersuchung der urbanistischen Ensembles wird zudem die verschiedenen Aspekte eines Umgangs mit dem Stadtraum durch Fassadengestaltung aufzeigen.

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Fassade als ein Gesamtkonzept im städtischen Kontext des römerzeitlichen Griechenlands, also den Provinzen Achaia, Macedonia und Epirus. Den zeitlichen Rahmen für die Arbeit ist, durch die Forschungslage diktiert, auf die frühe und mittlere Kaiserzeit (27 v. Chr.- 192 n. Chr.) mit einem möglichen Ausblick ins 3. und 4. Jh. n. Chr. festgesetzt. Geographisch beschränkt sich die Arbeit auf das griechische Festland mit den exemplarischen Städten Korinth, Athen, Nikopolis, Patras und Thessaloniki. Vergleiche mit weiteren griechischen Städten, Kleinasien und gegebenenfalls der Hauptstadt Rom betten zudem die Beispiele in einen reichsweiten Kontext ein.

Mit dem politischen Wandel hielten auch Neuerungen in der Bautechnik (u.a. Gussmauerwerk) sowie eine größere Vielfalt von Materialien (u.a. Buntmarmore, Ziegel) Einzug in die griechische Architektur. Gleichzeitig nahmen die Römer (an erster Stelle Kaiser Augustus) die griechische Klassik als Vorbild. Diese Wechselwirkung hatte auch Auswirkung auf die Fassaden. Zu klären sei hier welche dezidiert römischen Elemente an den Fassaden fassbar sind und in welchem Verhältnis diese zum griechischen Repertoire standen. Umgekehrt ist auch nach der Übernahme von griechischen Baubestandteilen in das römische architektonische Formengut zu fragen. Hatten die griechischen und römischen Komponenten einen bestimmten Platz? Daneben ist auch der Umgang der Römer mit dem vorgefundenen Baubestand von Wichtigkeit. Was wurde überhaupt neu gebaut und mussten bestehende Gebäude einem Neubau weichen? Wie nutzten Architekten es aus, dass sie bei Neugründungen an keinerlei Vorgaben gebunden waren und wie verhielt es sich mit Veränderung vom Bestehenden, das oftmals ein nicht zu unterschätzendes ökonomisches Argument darstellte?